15.06.2026

Hilflosigkeit umarmen

Stark und unabhängig...

Eine stilisierte Darstellung von Wellen im Meer, aus denen zwei Hände herausragen. Eine Hand ist nach oben gestreckt, während die andere in der Welle versinkt. Der Hintergrund zeigt einen blauen Himmel und das Wasser.

Stark und unabhängig zu sein gilt als erstrebenswert. Verantwortungsbewusste Leiterinnen kümmern sich gewissenhaft um ihre Pflichten und versuchen oft alleine stark zu sein, ich bin da keine Ausnahme. Kein Mensch ist das immer und in jeder Hinsicht. Täglich werden wir damit konfrontiert: Wir haben körperliche Bedürfnisse wie wie Schlaf, Essen, Duschen und Toilettengang. Das geht ja noch. Für unser Ruhebedürfnis gibt es Feierabend, Wochenenden und Erholungsurlaub. Auch die eine oder andere Wissenslücke und Inkompetenz lässt sich gut verkraften, insbesondere als Teil eines vielseitigen, wertschätzenden Teams in Arbeit oder Ehrenamt.

Krisen erinnern, dass Schwachsein dazugehört

Unvermeidbar ereignen sich leider Krisen, die uns unsanft erinnern: Nicht nur die gewohnten Grenzen und Bedürfnisse gibt’s, auch mal schwach und hilfsbedürftig zu sein, gehört zur Erfahrung des Menschseins unweigerlich dazu. Es fühlt sich unangenehm an, den eigenen Körper nicht mehr zu kennen, eigene Vorhaben nicht mehr nach Lust und Laune einplanen zu können. Es kostet Demut, um Hilfe zu bitten und Hilfsangebote anzunehmen, Ansprüche loszulassen und Aufgaben abzugeben.

Drei Reaktionen auf Hilflosigkeit

Der Umgang mit Hilflosigkeit kann auch anders aussehen und unterschiedlich ausgehen, wie die Lebensgeschichten verschiedener Frauen der Bibel veranschaulichen. Fliehen, erstarren oder kämpfen sind gängige Reaktionsmuster. (1) Flucht: Hagar floh vor der Wut ihrer Herrin in die Wüste. Hiobs Frau floh vor dem Leid, indem sie ihren Glauben aufgab und ihren Mann ebenso dazu aufforderte: Sag Gott ab und stirb. Saphira entfloh ihrer Verantwortung, indem sie ihre Lüge verleugnete. (2) Starre: Streiken war die Strategie von König Xerxes’ Frau Waschti. Die totgeweihte Ehebrecherin wartete angstgelähmt und beschämt mit gesenktem Blick ab. Fassungslos verweilte Maria aus Magdala an Jesus leerem Grab. (3) Kampf: Zahlreiche Frauen wurden in ihrer Not erfinderisch aktionistisch. Die kinderlose Sarah verkuppelte ihre Magd mit ihrem Mann mit; Lots ledige Töchter alkoholisierten ihren Vater. Rebekka überlistete ihren blinden Mann, um ihrem Lieblingssohn zum geistlichen Segen zu verhelfen. Delila jammerte Simson eine Woche lang die Ohren voll, um ihren Willen durchzusetzen.

Die klügste Reaktion auf Hilflosigkeit

Am klügsten mit Hilflosigkeit gingen diejenigen um, die mit Gott Kontakt aufnahmen: Die unfruchtbare Hannah schüttete weinend und fürbittend ihr Herz vor Gott aus. Esther rief auf zum Fasten und Beten, bevor sie beim König die lebensgefährliche Fürsprache einlegte. Die blutflüssige Frau ergriff heimlich die Initiative von Jesus Heilungsenergie abzuknapsen. Mit Gott verbunden lässt sich Hilflosigkeit leichter ertragen.

Die Wahl der Hilflosigkeit

Noch viel erstaunlicher ist, dass Jesus weder floh, noch erstarrte, noch kämpfte, sondern sich freiwillig für Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit entschied. Als Baby machte er sich ganz von seinen Eltern abhängig. Mit zwölf Jahren verstanden sie ihn und seine Bedürfnisse nicht, aber er wählte Gehorsam und Unterordnung ihnen gegenüber. Später ertrug er das Unverständnis seiner Jünger, verzichtete auf Rechthaberei gegenüber provokativen Kontrahenten, gestand Judas die Freiheit zu ihn zu verkaufen und verraten. Er schwieg zu ungerechten Vorwürfen und wartete geduldig ab bis Machthaber ihn verurteilten; unschuldig erlitt er Folter und Hinrichtung. Was für eine Demonstration der Liebe, die leidensbereit ist ohne wehleidig zu sein, die sich hingibt obwohl es ihn alles kostet, die vorbildlich Freunde, Verräter und Feinde liebt bis zum Tod.

Hilflosigkeit überwindende Liebe

Jesu Beispiel zeigt, dass selbstlose Liebe die Kraft gibt, Angst und Hilflosigkeit zu ertragen und sogar zu wählen und überwinden. Nicht die Hilflosigkeit ist das Problem, sondern die Lieblosigkeit. Statt Selbstschutz könnte die Nächstenliebe zu unserem Ziel und Reaktionsmuster in Angst, Krise, Hilflosigkeit werden. Gott helfe uns!

Versöhnt mit Hilflosigkeit

Versöhnt mit eigenen Grenzen, Bedürfnissen und Ohnmacht bedeutet als Leiterin unter anderem: In Kontakt mit Gott bleiben, ihm die Anliegen anvertrauen, ruhig schlafen, andere um Unterstützung bitten, zu hohe Ansprüche abgeben, Angebote und Aufgaben ablehnen, und manche Vorhaben loslassen. Dadurch wirken wir entspannter, nahbarer und inspirierender. Und können sagen: “Wir haben aber diesen Schatz [Jesus selbst] in irdenen Gefäßen [unserem schwachen Körper/Seele], damit das Übermaß der Kraft aus Gott ist und nicht aus uns.” (2. Kor 4,7) Wenn also mal etwas gelingt, ist es Sein Verdienst und Seine Ehre, nicht unsere.

von Sonja Plapper