15.04.2026
Zwischen Alltagschaos und Oase
"Es ist viel" als Dauerzustand

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Vor einiger Zeit hörte ich die Frage, seit wann wir auf „Wie geht’s dir?“ nicht mehr mit „gut“, sondern mit „gerade ist es viel“ antworten. Ich musste sofort zustimmen. Denn genau so fühlt sich mein Alltag oft an. Als Leiterin, engagierte Christin und Mutter trage ich Verantwortung auf mehreren Ebenen: Beruf, Familie, Gemeinde. Menschen, Aufgaben, Erwartungen. Vieles davon liebe ich – und möchte es nicht missen. Und doch bleibt dieses Gefühl: Es ist gerade ein bisschen viel. Nicht nur die Termine fordern mich, sondern auch der innere Druck, allem gerecht zu werden. Selbst Pausen fühlen sich manchmal falsch an – als wäre ich dann weniger belastbar oder nicht engagiert genug.
Der verdrängte Rhythmus
Dabei begegnet mir in der Bibel ein ganz anderes Bild. Gott selbst hat Arbeit und Ruhe miteinander verwoben. Nach sechs Tagen Schöpfung folgt ein Tag der Pause – nicht als Notlösung, sondern als heiliger Rhythmus. Auch Jesus lebt das vor. Mitten im Trubel sagt er zu seinen Jüngern, sie sollen an einen ruhigen Ort gehen und ausruhen (Mk 6,31f). Nicht erst, wenn alles erledigt ist. Sondern genau dann, wenn es zu viel wird. Und ich frage mich: Warum fällt es mir so schwer, diesen Rhythmus anzunehmen?
Was brachliegende Felder mich lehren
Der Blick aus meinem Wohnzimmerfenster fällt auf Felder. Es gibt Zeiten, in denen sie ungenutzt wirken – leer, brachliegend. Und doch weiß ich: Genau das ist notwendig. Der Boden regeneriert sich, sammelt Kraft für neue Frucht. Wie oft erlaube ich mir selbst solche Zeiten nicht? Stattdessen funktioniere ich weiter, halte durch, organisiere. Gerade in Leitungsverantwortung scheint Stillstand keine Option zu sein. Aber vielleicht ist genau das ein Trugschluss.
Mini-Oasen im Alltag
Ich beginne zu lernen, mir kleine Oasen zu schaffen. Keine perfekten Auszeiten, sondern kurze, ehrliche Momente. Ein Kaffee in Ruhe, bevor der nächste Programmpunkt startet. Ein bewusster Spaziergang ohne Podcast – nur ich, Gott und meine Gedanken. Ein paar Minuten, in denen ich nicht plane, leite oder reagiere, sondern einfach bin. Diese Momente fühlen sich manchmal wie unnötige Unterbrechungen an. Wie eine rote Ampel, wenn ich es eilig habe. Aber genau sie verändern etwas: Mein Blick wird klarer, mein Herz ruhiger, meine Gedanken freier. Und ich merke: Ich leite anders, wenn ich nicht dauerhaft im „zu viel“ bleibe.
Pausen tragen
Mini-Oasen lösen nicht alle Herausforderungen. Mein Alltag bleibt voll, meine Verantwortung real. Aber sie bewahren mich davor, mich selbst darin zu verlieren.
Ich lerne, dass Pause kein Luxus ist – sondern Teil eines gesunden Leitungsrhythmus. Kein Zeichen von Schwäche, sondern von Vertrauen. Vielleicht wird aus dem „Es ist gerade viel“ nicht immer ein „alles ist leicht“. Aber es kann wieder ehrlicher werden: Mir geht es gut.
von Alisa Ott
Eine ausführlichere Fassung dieses Textes ist zuvor in der Zeitschrift „gemeinsam · glauben · leben - Das Verbandsmagazin des Liebenzeller Gemeinschaftsverbandes“ Ausgabe April/Mai 2026 erschienen.