15.10.2025
Die Liebe als Maßstab
Bei aller Technik

© Pixabay, StockSnap
Stellt euch vor: Ich kann die Sprachen der Menschen sprechen und sogar die Sprachen der Engel. Wenn ich keine Liebe habe, bin ich wie ein dröhnender Gong oder ein schepperndes Becken. Oder stellt euch vor: Ich kann reden wie ein Prophet, kenne alle Geheimnisse und habe jede Erkenntnis.Oder sogar: Ich besitze den stärksten Glauben – sodass ich Berge versetzen kann. Wenn ich keine Liebe habe, bin ich nichts. Stellt euch vor: Ich verteile meinen gesamten Besitz. Oder ich bin sogar bereit, mich bei lebendigem Leib verbrennen zu lassen. Wenn ich keine Liebe habe, nützt mir das gar nichts. (1. Korinther 13,1-3)
Ohne Liebe ist alles nichts
Es gibt fast keine christliche Trauung, bei der dieser Text nicht in irgendeiner Form vorkommt. Wenn ich 1. Korinther 13 höre, dann denke auch ich an die Liebe zwischen zwei Menschen – und natürlich an die Liebe, die Gott uns Menschen gegenüber hat. Dabei soll doch die göttliche Liebe (agape) das Vorbild für jegliche Liebe auf dieser Welt sein, oder?
Ausgrenzung oder Meinungsfreiheit
Wenn ich aktuell die Nachrichten und Berichterstattungen verfolge oder auf Social Media gehe, habe ich manchmal den Eindruck, dass die Liebe zwischen uns Menschen zu kurz kommt. Wir grenzen uns voneinander ab und manche auch aus. Wir polarisieren und verstecken uns dabei leicht hinter dem Deckmantel der „Meinungsfreiheit“. Wir beanspruchen Recht zu haben – und sprechen anderen die Richtigkeit ihres Denkens oder Handelns ab. Wir … ja, was machen wir eigentlich gerade?
Technik reicht nicht – es braucht Liebe
Vor einiger Zeit besuchte ich ein Moderationsseminar bei einem namhaften Moderator. Nach vielen theoretischen Lektionen folgte der Praxisteil, und jeder durfte auf der Bühne eine kurze Moderation vortragen. Am Ende konnte jeder mit dem Seminarleiter noch ein Gespräch führen – mit einer direkten Rückmeldung zur Moderation. Nach vielen lobenden Worten über den Inhalt und auch die Technik meiner Moderation folgte ein für mich bis heute extrem wichtiger Satz: „Alisa, du beherrschst die Technik. Aber liebst du die Menschen?“
Unsere Meinung weitergeben
Das saß. Liebe ich die Menschen? Liebe ich meine Mitmenschen? Spontan hätte ich Ja gesagt. In der Bibel werden wir ja auch aufgefordert: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ (Mt 22,39). Doch scheinbar kommt das nicht rüber – sonst hätte ich dieses Feedback nicht erhalten. Ja, ich glaube, dass wir viele Techniken beherrschen. Wir wissen, wie man Content kreiert. Wir wissen, wie man Aufmerksamkeit bekommt. Wir wissen, wie wir unsere Meinung weitergeben können. Doch lieben wir auch die Menschen, die das lesen und erleben?
Einen Versuch wert
In 1. Korinther 13 heißt es weiter (in Auszügen):
Die Liebe ist geduldig.
Die Liebe ereifert sich nicht.
Sie prahlt nicht und spielt sich nicht auf.
Sie ist nicht unverschämt.
Sie sucht nicht den eigenen Vorteil.
Und so bin ich auch jetzt angehalten, mir zu überlegen, ob dieser Beitrag zwar die Technik des Schreibens (mehr oder weniger) einhält – aber liebe ich die Menschen, die ihn lesen werden? Ich wünsche mir, dass wir eine Atmosphäre haben, die von Liebe und Annahme geprägt ist. Eine Atmosphäre, in der wir auch aushalten können, dass jemand anderer Meinung ist als wir. Mir ist bewusst, wie schwer es ist, dem göttlichen Vorbild der Liebe zu folgen. Aber ich will es versuchen.
von Alisa Ott