15.06.2025

Eine Facette Gottes

der Ruf zur Menschlichkeit

Margot Friedländer war eine deutsch-jüdische Holocaust-Überlebende, die 1921 in Berlin geboren wurde. Nach der Deportation und Ermordung ihrer Familie überlebte sie die NS-Zeit im Versteck und später im Konzentrationslager Theresienstadt. Bis zu ihrem Tod Anfang Mai, mit 103 Jahren, engagierte sie sich unermüdlich für Erinnerung, Versöhnung und gegen das Vergessen. Was meinte Margot Friedländer mit „Seid Menschen“? Diese Worte enthalten eine tiefe, fast transzendente Aufforderung – und genau darin lässt sich eine göttliche Dimension erkennen.

Die Facette Gottes: Der Ruf zur Menschlichkeit

Der Satz „Seid Menschen“ ist mehr als ein Appell – er hat etwas Prophetisches, Universales und zugleich zutiefst Persönliches. In ihm spiegelt sich eine ethische Instanz, die nicht auf Macht, Strafe oder Dogma basiert, sondern auf Liebe, Mitgefühl und Verantwortung – klassische Eigenschaften, die vielen Gottesbildern gemeinsam sind.

Diese Facette lässt sich in mehreren Aspekten ihrer Kommunikation identifizieren:

1. Vergebung statt Vergeltung – die göttliche Gnade

Friedländer vergibt, wo viele hassen würden. Ihre Entscheidung, nach Deutschland zurückzukehren, zeugt von einer übermenschlich wirkenden Versöhnungsbereitschaft – ein Akt, der stark an göttliche Gnade erinnert. Sie unterscheidet zwischen Täter, Mitläufer und Helfer – wie ein Richter mit Barmherzigkeit.

2. Dialog auf Augenhöhe – die göttliche Nähe

Ihre Kommunikation ist kein Monolog von oben herab, sondern ein echter Dialog, voller Geduld und Zuhören. Sie spricht nicht als „Überlebende“ mit moralischem Erhabenheitsanspruch, sondern als Mitmensch, der sich verletzlich zeigt. Gott in der Beziehung – das findet hier seine Entsprechung.

3. „Ich tue es für euch“ – selbstlose Liebe

In diesem Satz offenbart sich eine Form der Agape, der selbstlosen, göttlichen Liebe. Friedländer handelt nicht aus Eigeninteresse oder aus Rachebedürfnis, sondern aus einer tiefen Fürsorge für kommende Generationen. Ihr Handeln ist altruistisch, aufopferungsvoll – eine Haltung, die theologisch oft mit dem Wesen Gottes verbunden wird.

4. Die Sprache der Würde – das stille Wirken Gottes

Ihre ruhige, klare, schlichte Sprache enthält eine stille Größe – sie erhebt nicht die Stimme, aber erhebt die Seele. Diese stille Kraft, ohne Lautstärke zu berühren, erinnert an die biblische Erfahrung Gottes im „sanften Säuseln“ (1 Kön 19,12).

5. „Seid Menschen“ – der göttliche Imperativ

Die Botschaft ist kein Befehl, sondern ein moralischer Imperativ, der auf das Gute im Menschen vertraut. Es ist fast wie ein modernes Pendant zu „Liebe deinen Nächsten“ – ein Aufruf zur Mitmenschlichkeit, zur Achtung vor dem Leben, zur göttlichen Verantwortung füreinander.

Fazit: Die Kraft des gelebten Wortes

Was also war das Besondere an Margot Friedländer? Es war ihre Authentizität, ihr Mut, ihre Geduld, ihre Bescheidenheit. Es war die Fähigkeit, zu erzählen, ohne zu beschuldigen, zu warnen, ohne zu predigen, zu erinnern, ohne zu verharren. Ihre Worte waren kein Selbstzweck – sie waren ein Geschenk. Margot Friedländer hat gezeigt, dass Kommunikation mehr sein kann als Information. Sie kann Beziehung schaffen, Verantwortung wecken, Hoffnung geben. In einer Welt voller Lärm war ihre Stimme leise – und wurde gerade deshalb gehört.

 

von Heike Otparlik